30.10.2017

»Deutschland ist auf dem Weg in eine Schulden- gesellschaft«

Liane Buchholz, Präsidentin des Sparkassenverbands Westfalen-Lippe, rät zum Sparen trotz Nullzins

Münster(WB). Am 30. Oktober ist traditionell Weltspartag. Doch macht er heute, unabhängig von der jüngsten Entscheidung der EZB, noch Sinn? »Er ist so wichtig wie noch nie«, sagt Prof. Liane Buchholz. Die Präsidentin des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe begründet dies damit, dass Deutschland auf dem Weg zu einer Schuldengesellschaft sei. Mit ihr sprach Bernhard Hertlein.

Müsste der Weltspartag nicht in Weltkonsumtag umbenannt werden?

Prof. Liane Buchholz: Nein, im Gegenteil. Der Weltspartag ist seit der Einführung durch Sparkassen im Oktober 1924 noch nie so wichtig gewesen. Ein Weltkonsumtag ist schon deshalb nicht notwendig, weil Konsum nicht gelernt werden muss. Eines haben mich die 20 Jahre, die ich an der Hochschule lehrte, gezeigt: Die Neigung bei den Studenten, einen finanziellen Grundstock für sich zu bilden, ist kolossal zurückgegangen. Dabei ist Sparen unverzichtbar – schon deshalb, weil heutige Erwerbsbiografien viel stärker als früher von häufigen Jobwechseln geprägt sind. Früher hieß es zum Beispiel: einmal Siemens, immer Siemens. Heute gibt es das kaum noch. Gleichzeitig ist etwa durch die Agenda 2010 auch die soziale Absicherung nicht mehr das, was sie früher gewesen ist – ganz zu schweigen von der Altersrente. Der Weltspartag soll die Notwendigkeit, finanzielle Vorsorge zu treffen, wieder ins Gedächtnis bringen.

Aber welchen Anreiz hat das Sparen noch, wenn das Geld durch Nullzins und Inflation sogar an Wert verliert?

Buchholz: Dass die Inflation einen Großteil oder gar den gesamten Guthabenzins aufisst, gab es auch schon zu Zeiten, als die Zinsen noch höher waren, aber auch die Preise sehr viel deutlicher stiegen. Gerade hat das Vermögensbarometer der Sparkassen an den Tag gebracht, dass schon jeder zweite auf alternative Anlageformen wie Immobilien und Wertpapiere ausweicht. Das ist vernünftig. Sparen muss nicht heißen, Geld auf ein Sparkonto zu legen und dann zu jammern, dass dies keine Zinsen bringt. Alarmierend ist allerdings, dass jeder vierte Deutsche überhaupt keine finanzielle Vorsorge mehr trifft. Bei den Jüngeren ist der Anteil sogar noch weitaus höher. Deutschland ist auf dem Weg in eine Schuldengesellschaft. Die Kredite legen seit Jahren doppelt so stark zu wie das Bruttoinlandsprodukt. Wir folgen einem Trend, den die USA vorgegeben hat. Und dieser Trend ist ungebrochen.

Müssen die Sparkassenkunden in Westfalen- Lippe fürchten, dass irgendwann nicht nur Großeinlagen negativ verzinst werden?

Buchholz: Aus heutiger Sicht nicht. Als Marktführer mit der größten Zahl an Kunden im Finanzsektor werden wir alles tun, um einen Negativzins zu verhindern.

Was heißt das konkret?

Buchholz: Im Augenblick haben die Kunden 38 Milliarden Euro als Tagesgeld bei uns angelegt. Sie kosten die Sparkassen in Westfalen-Lippe im Jahr 150 Millionen Euro, weil sie den Negativzins nicht an die Kunden weitergeben.

Wie lange wird die EZB ihre exzessive Ausgaben- und Negativzinspolitik noch beibehalten?

Buchholz: Die EZB hat in ihrer letzten Sitzung am 26. Oktober bekannt gegeben, dass sie das Aufkaufprogramm für Staatsanleihen mindestens bis September 2019 verlängert, das Volumen allerdings um die Hälfte auf 30 Milliarden Euro reduziert. Ein Ende des Aufkaufprogramms ist schon deshalb absehbar, weil es im Euro-Raum kaum noch Anleihen gibt, die die EZB aufkaufen kann. Ich rechne damit, dass die Zentralbank 2018 aus diesem Programm aussteigen wird. Schließlich bietet eine Inflationsrate, die mit 1,7 Prozent ganz nah am der Zielmarke ist, auch keine Argumente mehr. Als die Fed in den USA ihr Aufkaufprogramm für Staatsanleihen beendete, dauerte es noch eineinhalb Jahre, bis sich auch der Zins leicht nach oben bewegt hat. Entsprechend könnten sich die Dinge auch bei uns entwickeln. Dann würde die Zinswende um das Jahresende 2019 eintreten. Allerdings werden die Schritte sehr klein sein.

Wie können die Sparkassen ohne die berühmte Zinsspanne überhaupt noch Geld verdienen?

Buchholz: Die Zinsspanne gibt es nach wie vor. Immerhin haben die Sparkassen in Westfalen-Lippe 2016 eine Zinsspanne von 2,6 Milliarden Euro erwirtschaftet. Außerdem arbeiten die Sparkassen daran, ihr Provisionsergebnis weiter zu stärken. Zudem gehört es zum Tagesgeschäft, die Kosten zu reduzieren. Dennoch stehen die Sparkassen, wie die gesamte Finanzwirtschaft, fraglos unter Ertragsdruck. Daher müssen wir auch ständig die Gebühren für unsere Leistungen überprüfen. Nichtsdestotrotz haben die Sparkassen in Westfalen- Lippe im vergangenen Jahr noch 520 Millionen Euro gespendet, ausgeschüttet und an Steuern gezahlt. Das entspricht 63 Euro pro Einwohner, die unsere Sparkassen in die Region zurückgegeben haben und zeigt: Die Sparkassen in Westfalen-Lippe machen unterm Strich einen guten Job.

(Quelle: Westfalen-Blatt vom 28.10.2017)

 

 


Der Sparkassenverband Westfalen-Lippe

So erreichen Sie uns

Anfahrtsskizze

Regina-Protmann-Straße 1

48159 Münster

Telefon 0251 2104-0
Telefax 0251 2104-209
E-Mail info(at)svwl.eu
Webseite www.svwl.eu